Mobbing ist ein Thema, das regelmäßig für Diskussionen sorgt und starke Emotionen auslöst. Wenn Fälle von Ausgrenzung, Demütigung oder psychischer Gewalt bekannt werden, ist die Betroffenheit groß. Eltern, Lehrpersonen und Verantwortliche fragen sich dann, wie es so weit kommen konnte und welche Maßnahmen nun notwendig sind. Paradoxerweise investieren wir als Gesellschaft jedoch oft deutlich mehr Energie in die Aufarbeitung bereits entstandener Konflikte als in deren Verhinderung. Dabei beginnt wirksamer Schutz gegen Mobbing lange bevor der erste Vorfall geschieht.
Ein guter Vergleich findet sich im Gesundheitsbereich: Eine ausgewogene Ernährung soll Krankheiten vorbeugen und nicht erst dann eingesetzt werden, wenn bereits ernsthafte gesundheitliche Probleme entstanden sind. Niemand würde auf die Idee kommen, gesunde Gewohnheiten erst nach einer schweren Erkrankung zu entwickeln. Dennoch handeln wir im Umgang mit sozialen Konflikten häufig genau so. Wir reagieren, wenn Probleme sichtbar werden, anstatt frühzeitig jene Kompetenzen zu fördern, die Mobbing verhindern können.
Doch was brauchen Kinder eigentlich, um respektvoll miteinander umzugehen, Konflikte konstruktiv zu lösen und zu selbstbewussten, empathischen Persönlichkeiten heranzuwachsen? Welche Rolle spielen dabei Gehirnentwicklung, Beziehungserfahrungen und das soziale Umfeld? Und wie können Schulen und Elternhäuser dazu beitragen, dass Kinder innere Stärke entwickeln, anstatt andere abzuwerten oder selbst Opfer von Ausgrenzung zu werden?
Diesen Fragen widmet sich die erfahrene Volksschullehrerin Heidi Sutterlüty in ihrem Vortrag. Aus einer konkreten Notwendigkeit heraus entwickelte sie das „Projekt Herzschlau“, ein ganzjähriges Programm für Teambildung, Konfliktmanagement und Selbstermächtigung von Kindern. Die Grundlage dafür bildeten ihre langjährigen Erfahrungen im Schulalltag sowie die Beobachtung, dass viele Konflikte und Mobbingsituationen nicht plötzlich entstehen, sondern das Ergebnisfehlender sozialer Kompetenzen, mangelnder Selbstwahrnehmung und unzureichender Gemeinschaftserfahrungen sind.
Anstatt ausschließlich auf problematische Situationen zu reagieren, setzt das Projekt Herzschlau bewusst auf Prävention. Ziel ist es, Kinder dabei zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, Konflikte respektvoll zu lösen, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Gleichzeitig werden Gemeinschaftssinn, gegenseitige Wertschätzung und ein konstruktives Miteinander gestärkt.
Die Wirksamkeit dieses Ansatzes konnte Heidi Sutterlüty in ihren eigenen Klassen sowie an ihrer Schule beobachten. Gerade in einem herausfordernden schulischen Umfeld zeigte sich, wie stark sich das soziale Klima verbessern kann, wenn Kinder regelmäßig Gelegenheit erhalten, soziale und emotionale Kompetenzen zu trainieren. Wo Vertrauen wächst, Beziehungen gestärkt werden und Kinder lernen, sich selbst und andere besser zu verstehen, entstehen weniger Konflikte – und dort, wo Konflikte auftreten, können sie häufig frühzeitig und konstruktiv gelöst werden.
In ihrem Vortrag vermittelt Heidi Sutterlüty auf verständliche und praxisnahe Weise, wie die Gehirnentwicklung von Kindern verläuft und welche Auswirkungen diese auf Verhalten, Lernen und soziale Interaktionen hat. Sie erklärt, warum Kinder bestimmte Verhaltensweisen zeigen, welche Bedürfnisse hinter auffälligem Verhalten stehen können und weshalb emotionale Sicherheit eine wesentliche Grundlage für gesundes Lernen und soziale Entwicklung darstellt.
Darüber hinaus erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, welche Faktoren Kinder dabei unterstützen, zu reifen, verantwortungsvollen und resilienten Persönlichkeiten heranzuwachsen. Dabei werden aktuelle Erkenntnisse aus Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Neurobiologie mit konkreten Erfahrungen aus dem Schulalltag verbunden. Die Inhalte werden anschaulich erklärt und anhand zahlreicher Beispiele greifbar gemacht.
Im zweiten Teil des Vortrags stellt Heidi Sutterlüty das Projekt Herzschlau vor. Sie gibt Einblicke in die praktische Umsetzung des Jahresprogramms, erläutert die einzelnen Bausteine und zeigt auf, wie diese im Schulalltag integriert werden können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten zahlreiche Anregungen, wie Prävention bereits im Alltag gelebt werden kann – nicht als zusätzliches Programm, sondern als Haltung, die Beziehungen stärkt und Gemeinschaft fördert.
Der Vortrag richtet sich an Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, Fachpersonen aus Bildung und Betreuung sowie an alle, die Kinder auf ihrem Weg zu starken, empathischen und selbstbewussten Menschen begleiten möchten. Er bietet wertvolle Impulse für alle, die nicht erst handeln wollen, wenn Konflikte eskalieren, sondern die Voraussetzungen für ein respektvolles und gesundes Miteinander von Anfang an schaffen möchten.
Denn Mobbingprävention beginnt nicht mit der Intervention im Krisenfall. Sie beginnt dort, wo Kinder lernen, sich selbst zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen, Mitgefühl zu entwickeln und ihren Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Genau hier setzt das Projekt Herzschlau an – mit dem Ziel, Kinder stark zu machen für ein Leben in gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Wertschätzung.
Heidi Sutterlüty ist Volksschullehrerin, Trainerin für Mobbingprävention, Resilienz und Konfliktmanagement.